Was kommt nach dem Unternehmertum? Fünf Wege in ein Leben nach der Übergabe

Dr. David Hoeflmayr

Experte für Unternehmenswertsteigerung

Das Wichtigste in Kürze

Die meisten Unternehmer bereiten sich akribisch auf den Verkauf vor: Bewertung, Datenraum, Verhandlung, Kaufvertrag. Aber auf die Frage, was danach kommt, haben die wenigsten eine Antwort.

Das ist kein Versäumnis aus Nachlässigkeit. Es ist Verdrängung. Wer 20 oder 30 Jahre lang jeden Tag Entscheidungen getroffen hat, Verantwortung für Mitarbeiter und Kunden getragen und seine Identität über das Unternehmen definiert hat, kann sich ein Leben ohne diese Rolle schwer vorstellen. Und solange der Verkaufsprozess läuft, gibt es immer eine dringendere Aufgabe als die Auseinandersetzung mit der eigenen Zukunft.

Die Folge: Viele Unternehmer fallen nach dem Closing in ein Loch. Nicht finanziell – das Vermögen ist gesichert. Sondern emotional: Die Tagesstruktur bricht weg, der Status verändert sich, die sozialen Kontakte aus dem Geschäftsleben werden dünner, und die Frage „Was mache ich jetzt eigentlich?“ wird vom theoretischen Gedankenspiel zum täglichen Begleiter.

Dieser Beitrag zeigt, welche Wege nach dem Unternehmertum möglich sind, wie Sie sich darauf vorbereiten – und warum die Planung für das Danach ein fester Bestandteil jeder Nachfolgevorbereitung sein sollte.


Warum die Zeit nach der Übergabe so schwierig ist

Drei Faktoren machen die Übergangsphase anspruchsvoll – und keiner davon hat mit Geld zu tun.

Der Wegfall der Tagesstruktur. Seit Jahrzehnten gibt der Betrieb den Rhythmus vor: Morgens im Büro, Termine, Entscheidungen, Mittagessen mit dem Team, Kundengespräche, Abends die letzten E-Mails. Wenn dieser Rhythmus von einem Tag auf den anderen wegfällt, entsteht ein Vakuum, das kein Hobby und kein Urlaub füllen kann – zumindest nicht sofort.

Der Verlust des sozialen Netzwerks. Ein großer Teil der sozialen Kontakte eines Unternehmers sind geschäftliche Kontakte: Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, Berater, Branchenkollegen. Nach dem Verkauf werden diese Beziehungen dünner – nicht aus böser Absicht, sondern weil der gemeinsame Kontext wegfällt. Wer sich nicht aktiv um ein neues Netzwerk bemüht, kann in soziale Isolation geraten.

Die Identitätsfrage. Für viele Unternehmer sind Beruf und Identität eins. „Ich bin Geschäftsführer der Firma XY“ ist nicht nur eine Berufsbezeichnung, sondern eine Selbstbeschreibung. Nach dem Verkauf fehlt diese Beschreibung – und mit ihr ein Stück Selbstverständnis. Die Frage „Wer bin ich, wenn ich nicht mehr Unternehmer bin?“ ist die tiefste und am häufigsten verdrängte Frage im gesamten Nachfolgeprozess.


Fünf Wege nach dem Unternehmertum

Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Aber es gibt typische Muster, die sich in der Praxis bewährt haben – und die zeigen, dass „Danach“ kein Ruhestand sein muss, sondern ein neues Kapitel.

Weg 1: Beirat, Aufsichtsrat oder Advisor

Viele Unternehmer bringen nach dem Verkauf genau das mit, was andere Unternehmen brauchen: Branchenerfahrung, strategisches Urteilsvermögen, ein breites Netzwerk und die Gelassenheit, die aus jahrzehntelanger Verantwortung entsteht. Ein Beiratsmandat – ob im eigenen ehemaligen Unternehmen oder in anderen Firmen – gibt Struktur, hält den Kontakt zur Wirtschaft lebendig und nutzt die aufgebaute Kompetenz, ohne die operative Last der Geschäftsführung.

Für wen geeignet: Unternehmer, die Erfahrung weitergeben wollen, ohne wieder Vollzeit operativ zu arbeiten. Die Nähe zur unternehmerischen Praxis schätzen, aber Abstand zum Tagesgeschäft brauchen.

Zeitaufwand: Typischerweise vier bis sechs Sitzungen pro Jahr plus Vorbereitung. Mehrere Mandate parallel sind möglich und üblich.

Wie Sie anfangen: Signalisieren Sie Ihre Verfügbarkeit in Ihrem Netzwerk. Lassen Sie sich bei Beiratsnetzwerken registrieren. Und: Beginnen Sie bereits vor dem Verkauf, erste Beiratsrollen zu übernehmen – das erleichtert den Übergang.

Weg 2: Investor und Business Angel

Das Vermögen, das aus dem Verkauf resultiert, muss angelegt werden. Statt es ausschließlich in Fonds und Immobilien zu investieren, entscheiden sich manche Unternehmer für Direktbeteiligungen an jungen oder wachsenden Unternehmen – als Business Angel, als Co-Investor oder über ein eigenes Family Office.

Für wen geeignet: Unternehmer, die den unternehmerischen Reiz behalten wollen, ohne operativ eingebunden zu sein. Die bereit sind, Kapital und Erfahrung einzusetzen – und das Risiko von Fehlinvestitionen tragen können.

Zeitaufwand: Variabel – von wenigen Stunden pro Monat (passive Beteiligung) bis zu mehreren Tagen pro Woche (aktives Engagement).

Worauf Sie achten sollten: Die Rolle des Investors ist eine andere als die des Unternehmers. Loslassen können, den Gründer führen lassen und nur dann eingreifen, wenn Sie gefragt werden – das fällt Machern schwer. Und: Die Vermögensstruktur muss so aufgestellt sein, dass einzelne Fehlinvestitionen das Gesamtvermögen nicht gefährden.

Weg 3: Mentor und Sparringspartner

Viele Nachfolger – ob familienintern oder extern – suchen einen erfahrenen Sparringspartner, der sie in den ersten Monaten und Jahren begleitet. Jemand, der die Branche kennt, der Fehler gemacht und daraus gelernt hat, und der zuhören kann, ohne sofort Anweisungen zu geben.

Für wen geeignet: Unternehmer, die ihre Erfahrung weitergeben wollen – nicht aus einer formalen Rolle heraus, sondern auf Augenhöhe. Die Freude daran haben, andere zu entwickeln.

Zeitaufwand: Ein bis zwei Gespräche pro Monat. Keine operative Einbindung.

Wie Sie anfangen: Das eigene Netzwerk nutzen. Sich bei Nachfolge-Initiativen, IHK-Programmen oder Unternehmernetzwerken als Mentor anbieten. Oder: eine formalisierte Mentoring-Rolle im eigenen ehemaligen Unternehmen vereinbaren – zeitlich begrenzt und klar abgegrenzt von der operativen Führung.

Weg 4: Gesellschaftliches Engagement

Stiftungen, Ehrenämter, Aufsichtsratsmandate in gemeinnützigen Organisationen, politisches Engagement, Hochschullehre – viele Unternehmer entdecken nach dem Verkauf ein Engagement, das über das Wirtschaftliche hinausgeht. Die Kompetenz, Organisationen zu führen, Budgets zu steuern und Menschen zu überzeugen, ist in gemeinnützigen Strukturen mindestens ebenso gefragt wie in der Wirtschaft.

Für wen geeignet: Unternehmer, die etwas zurückgeben wollen. Die Wirkung über Rendite stellen. Die Sinnfragen stellen und Antworten suchen, die über den geschäftlichen Kontext hinausgehen.

Zeitaufwand: Variabel – von wenigen Stunden pro Monat bis zu nahezu Vollzeit.

Weg 5: Neustart – beruflich oder persönlich

Manche Unternehmer gründen neu. Andere studieren, reisen, schreiben ein Buch, lernen ein Instrument oder widmen sich einer Leidenschaft, für die im Unternehmerleben nie Zeit war. Der Neustart ist die radikalste Variante – und für manche die befreiendste.

Für wen geeignet: Unternehmer, die nicht „weniger“ machen wollen, sondern „anders“. Die den Verkauf als Befreiung empfinden, nicht als Verlust. Die Neugier mitbringen und keine Angst vor dem Unbekannten haben.

Worauf Sie achten sollten: Der Neustart braucht genauso viel Planung wie der Verkauf selbst. Eine neue Gründung ohne klares Geschäftsmodell, ein Studium ohne echtes Interesse oder eine Weltreise als Flucht vor der Leere – all das funktioniert nicht. Die ehrliche Frage lautet: Was will ich wirklich – nicht was denke ich, dass ich wollen sollte?


Die fünf Wege im Vergleich

KriteriumBeirat / AdvisorInvestor / AngelMentorEngagementNeustart
Unternehmerische NäheHochHochMittelGeringVariabel
ZeitaufwandGering bis mittelVariabelGeringVariabelHoch
Finanzielles RisikoKeinsVorhandenKeinsKeinsMöglich
Soziales NetzwerkWirtschaftStartup-SzeneNachfolger-NetzwerkGemeinnützigNeu aufgebaut
Identitätsangebot„Erfahrener Unternehmer“„Investor“„Wegbegleiter“„Engagierter Bürger“„Neustarter“
Vorbereitung nötigGeringMittelGeringGeringHoch

Die meisten Unternehmer kombinieren mehrere Wege – ein bis zwei Beiratsmandate, eine Mentoring-Rolle und ein gesellschaftliches Engagement. Die Kombination schafft Abwechslung, multiple soziale Netzwerke und verschiedene Quellen für Sinn und Struktur.


Wann Sie mit der Planung beginnen sollten

Die Vorbereitung auf das „Danach“ gehört in die Nachfolgeplanung – nicht danach. Zwei Empfehlungen:

Zwei bis drei Jahre vor dem geplanten Verkauf: Beginnen Sie, über die Zeit nach der Übergabe nachzudenken. Nicht als Pflichtübung, sondern als ehrliche Auseinandersetzung mit der Frage: Was gibt mir Energie? Was will ich erleben? Welche Rolle will ich spielen? Testen Sie erste Formate: ein Beiratsmandat, ein Mentoring-Verhältnis, ein ehrenamtliches Engagement. So sammeln Sie Erfahrung, bevor der Ernstfall eintritt.

In den Monaten nach dem Closing: Geben Sie sich Zeit. Die ersten drei bis sechs Monate sind eine Anpassungsphase. Es ist normal, sich verloren zu fühlen. Es ist normal, das Unternehmen zu vermissen. Es ist normal, zu zweifeln, ob die Entscheidung richtig war. Diese Gefühle vergehen – vorausgesetzt, Sie haben einen Plan und Menschen, mit denen Sie darüber sprechen können.

Häufig gestellte Fragen

Ja. Die Mehrheit der Unternehmer erlebt nach dem Verkauf eine Phase der Orientierungslosigkeit – auch diejenigen, die den Verkauf aktiv gewollt haben. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine natürliche Reaktion auf einen fundamentalen Lebensumbruch.
Das hängt von der Situation ab. Eine definierte Übergangsphase (sechs bis zwölf Monate) ist in den meisten Transaktionen sinnvoll. Darüber hinaus wird es kritisch: Die Rolle als „ehemaliger Chef“ ist weder für den Verkäufer noch für den Nachfolger gesund. Klare Regeln und ein definiertes Ende sind besser als ein schleichender Rückzug.
Das hängt von Ihrem jährlichen Bedarf und Ihrem Planungshorizont ab. Eine Faustformel: Jährlicher Bedarf × 25 bis 30 ergibt das Vermögen, das Sie brauchen, um 25 bis 30 Jahre ohne Kapitalverzehr zu leben (bei moderater Rendite). Die detaillierte Rechnung steht im Beitrag zu Vermögen in Unternehmerfamilien.
Natürlich. Aber beachten Sie zwei Dinge: Erstens, prüfen Sie, ob Ihr Kaufvertrag ein Wettbewerbsverbot enthält (typischerweise zwei bis drei Jahre in derselben Branche). Zweitens, gründen Sie aus Lust, nicht aus Langeweile. Eine Gründung als Ersatz für das alte Unternehmen funktioniert selten.
Probieren Sie aus. Nehmen Sie ein Beiratsmandat an. Begleiten Sie einen jungen Unternehmer. Engagieren Sie sich in einem Verein. Die meisten Menschen finden ihre neue Rolle nicht durch Nachdenken, sondern durch Tun.

Über den Autor

Dr. David Hoeflmayr begleitet Unternehmer bei Unternehmensnachfolge und strategischer Wertsteigerung.
Mit über 20 Jahren Erfahrung als Geschäftsführer in der Industrie, akademischem Hintergrund in Jura, Wirtschaft und Psychologie sowie Lehrtätigkeit an der TU München verbindet er Praxis, Strategie und Wissenschaft.
Sein Fokus liegt darauf, Unternehmen übergabefähig zu machen, Risiken zu reduzieren und nachhaltige Werte für die nächste Generation zu schaffen.

Für ein unverbindliches Gespräch oder weitere Informationen über meine Dienstleistungen

Zusammen können wir sicherstellen, dass Ihre Unternehmensnachfolge und -wertsteigerung ein voller Erfolg wird.

Nach oben scrollen