ESG und Nachhaltigkeit als Werttreiber: Was Käufer prüfen, welche Quick Wins es gibt – und wann Greenwashing schadet

Dr. David Hoeflmayr

Experte für Unternehmenswertsteigerung

Das Wichtigste in Kürze

ESG ist kein Konzernthema mehr. Über die Lieferkette (LkSG, CSRD) und über die DD-Anforderungen von PE-Käufern erreicht es den Mittelstand – ob gewollt oder nicht.

Governance ist das relevanteste Thema für die meisten Mittelständler: Beirat, Compliance, Transparenz, Inhaberabhängigkeit. Umwelt und Soziales sind branchenabhängig.

Quick Wins in sechs Monaten: Energieverbrauch dokumentieren, DSGVO sicherstellen, Code of Conduct erstellen, Beirat einrichten, Lieferanten-Selbstauskunft einholen.

Greenwashing schadet. Wenige echte Maßnahmen sind besser als ein Hochglanz-Nachhaltigkeitsbericht ohne Substanz.

ESG-Reifegrad 2 (Basis) ist das Minimum für die Due Diligence. Stufe 3 (strukturiert) ist der Standard bei PE-Käufern.

Indirekter Multiple-Effekt: 0,2–0,5 Punkte durch reduzierte Risikowahrnehmung.

ESG – Environmental, Social, Governance – war lange ein Thema für Konzerne und börsennotierte Unternehmen. Im Mittelstand galt es als irrelevant: zu bürokratisch, zu theoretisch, zu weit weg vom Tagesgeschäft. Das ändert sich gerade – und die Treiber kommen von zwei Seiten.

Von oben: Großkunden, die als Lieferketten-Compliance (Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, CSRD-Berichtspflichten) ihre Zulieferer auf ESG-Standards verpflichten. Wer Zulieferer eines berichtspflichtigen Unternehmens ist, wird früher oder später selbst Daten liefern müssen – ob er will oder nicht.

Vom Käufer: Insbesondere Finanzinvestoren prüfen ESG-Risiken mittlerweile standardmäßig in der Due Diligence. Nicht aus Idealismus, sondern aus Risikokalkulationsgründen: Ein Unternehmen mit Umweltaltlasten, schlechten Arbeitsbedingungen oder mangelhafter Governance ist ein Risiko, das den Multiplikator drückt.

Dieser Beitrag zeigt, was ESG für den Mittelstand konkret bedeutet, was Käufer prüfen, welche Quick Wins es gibt – und warum oberflächliches Greenwashing mehr schadet als Nichtstun.


Was ESG ist – und was es für den Mittelstand bedeutet

ESG steht für drei Dimensionen unternehmerischer Verantwortung. Im Mittelstand sind nicht alle drei gleich relevant – aber alle drei werden in der Due Diligence geprüft.

E – Environmental (Umwelt)

ThemaMittelstands-RelevanzWas Käufer prüfen
Energieverbrauch und CO₂-EmissionenHoch (steigende Energiekosten, Klimaregulierung)Energieverbrauch pro Umsatzeinheit, CO₂-Bilanz (wenn vorhanden), Energiequellen
Abfall und RecyclingMittel bis hoch (je nach Branche)Abfallmanagement, Recyclingquote, Entsorgungsverträge
UmweltaltlastenPotenziell Deal-relevantBodenverunreinigungen, Altlastenverdacht, Umweltgutachten
WassermanagementBranchenabhängigWasserverbrauch, Abwasserbehandlung, Genehmigungen
GefahrstoffeBranchenabhängig (Chemie, Produktion)Gefahrstoffmanagement, Lagerung, Genehmigungen, REACH-Compliance

S – Social (Soziales)

ThemaMittelstands-RelevanzWas Käufer prüfen
ArbeitsbedingungenHochArbeitszeiten, Überstundenquote, Arbeitssicherheit (Unfallstatistik), Krankenstand
MitarbeiterzufriedenheitHochFluktuation, Krankenstand, Arbeitgeberbewertungen (kununu, Glassdoor)
Diversität und ChancengleichheitZunehmendGeschlechterverteilung in Führung, Gleichbehandlung, Antidiskriminierung
WeiterbildungMittelSchulungsbudget, strukturierte Personalentwicklung
LieferkettenverantwortungSteigend (LkSG)Kenntnis der Lieferkette, Risikobewertung, Maßnahmen bei Verstößen

G – Governance (Unternehmensführung)

ThemaMittelstands-RelevanzWas Käufer prüfen
Governance-StrukturenHochBeirat, Aufsichtsgremien, Entscheidungsstrukturen
ComplianceHochDatenschutz (DSGVO), Korruptionsprävention, Kartellrecht
Transparenz und ReportingZunehmendControlling-Qualität, Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen
InhaberabhängigkeitHochSchlüsselpersonenrisiko, Machtkonzentration
SteuertransparenzHochSteuerliche Compliance, keine aggressiven Gestaltungen

Für den Mittelstand gilt: Governance ist fast immer das relevanteste Thema (und wird ohnehin in der DD geprüft). Umweltthemen sind branchenabhängig (Produktion > Dienstleistung). Sozialthemen gewinnen an Bedeutung, sind aber selten Deal-entscheidend – mit einer Ausnahme: Umweltaltlasten und Arbeitsrechtsverstöße können Deal-Killer sein.


Warum Käufer ESG-Risiken ernst nehmen

Drei Gründe, warum ESG in der Due Diligence an Bedeutung gewinnt.

Erstens: Regulatorischer Druck. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) verpflichtet größere Unternehmen, die Menschenrechts- und Umweltstandards in ihrer Lieferkette zu überwachen. Wenn Ihr Käufer ein berichtspflichtiges Unternehmen ist (oder an ein solches weiterverkaufen will), wird er prüfen, ob Sie als Zulieferer ESG-Standards erfüllen.

Zweitens: Risikomanagement. Umweltaltlasten können Millionen kosten (Sanierung, Bußgelder, Rechtsstreitigkeiten). Arbeitsrechtsverstöße können zu Nachzahlungen und Reputationsschäden führen. Governance-Defizite (fehlende Compliance, intransparente Strukturen) erhöhen das operativen Risiko. All das fließt in die Risikobewertung ein – und drückt den Kaufpreis.

Drittens: Investorenvorgaben. Viele PE-Fonds haben ESG-Richtlinien, die sie bei jeder Investition einhalten müssen – weil ihre eigenen Investoren (Pensionsfonds, Versicherungen, Stiftungen) ESG-Kriterien fordern. Ein Unternehmen, das fundamentale ESG-Standards nicht erfüllt, fällt bei diesen Käufern aus dem Raster.


Quick Wins: Was Sie in sechs Monaten umsetzen können

Nicht jedes ESG-Thema braucht Jahre der Vorbereitung. Manche Maßnahmen sind schnell umsetzbar und zeigen in der Due Diligence sofortige Wirkung.

Quick WinDimensionAufwandWirkung in der DD
Energieverbrauch dokumentieren (Strom, Gas, Kraftstoffe nach Jahr und Standort)E1–2 TageZeigt Bewusstsein; Basis für Effizienzmaßnahmen
Abfall- und Recyclingquote erfassenE1 TagNachweis über Umweltmanagement
Arbeitssicherheits-Statistik aufbereiten (Unfälle, Beinahe-Unfälle, Ausfalltage)S1 TagPflicht bei Produktion; zeigt Verantwortung
DSGVO-Compliance prüfen (Verarbeitungsverzeichnis, AV-Verträge, Löschkonzept)G2–4 WochenCompliance-Standard, Bußgeldrisiko vermeiden
Verhaltenskodex (Code of Conduct) erstellenG1–2 WochenGrunddokument für Compliance; einfach, wirksam
Beirat einrichten oder professionalisierenG2–3 MonateStärkstes Governance-Signal für Käufer
Lieferanten-Selbstauskunft einholen (ESG-Fragebogen an Top-10-Lieferanten)S/E2–4 WochenZeigt Lieferkettenbewusstsein; LkSG-Readiness

Langfristige Maßnahmen: Was zwölf bis vierundzwanzig Monate braucht

MaßnahmeDimensionAufwandWirkung
CO₂-Bilanz erstellen (Scope 1 + 2, ggf. Scope 3)E3–6 Monate (mit externem Berater)Quantifizierbare Umweltdaten; Basis für Reduktionsziele
ISO 14001 UmweltmanagementsystemE9–12 MonateBranchenstandard in produzierenden Unternehmen
Strukturierte Personalentwicklung (Schulungsprogramme, Nachfolgeplanung)S6–12 MonateMitarbeiterbindung, Attraktivität, DD-Readiness
Compliance-Management-System (Richtlinien, Schulungen, Hinweisgebersystem)G6–12 MonateProfessionelles Compliance-Signal; ab 50 MA gesetzl. Hinweisgeberpflicht
Nachhaltigkeitsbericht (freiwillig, orientiert an DNK oder GRI)Alle3–6 MonatePremium-Signal; differenziert von Wettbewerbern

ESG-Reifegrad: Wo steht Ihr Unternehmen?

StufeBeschreibungDD-Bewertung
Stufe 1: Kein BewusstseinKeine Daten, keine Maßnahmen, keine Dokumentation⚠️ Risikofaktor; Käufer verlangt Maßnahmenplan oder drückt Preis
Stufe 2: BasisGrunddaten vorhanden (Energie, Abfall, Unfälle), DSGVO-Compliance, Code of Conduct✅ Minimum, das Käufer erwarten
Stufe 3: StrukturiertCO₂-Bilanz, Lieferanten-Assessment, strukturierte Personalentwicklung, Beirat✅✅ Professionelles Signal
Stufe 4: IntegriertESG in Strategie verankert, Nachhaltigkeitsbericht, Zertifizierungen, Reduktionsziele✅✅✅ Differenzierung; Premium-Multiplikator

Für die Nachfolge relevant: Stufe 2 ist das Minimum. Stufe 3 ist der Standard, der bei PE-Käufern erwartet wird. Stufe 4 differenziert – lohnt sich aber nur, wenn der Zeithorizont lang genug ist und die Investition sich amortisiert.


Wann Greenwashing schadet

Greenwashing – oberflächliche ESG-Maßnahmen ohne Substanz – ist schlimmer als Nichtstun. Ein Nachhaltigkeitsbericht, der auf zwei Seiten schöne Worte enthält, aber keine Daten, keine Ziele und keine Maßnahmen, wirkt in der Due Diligence peinlich. Ein CO₂-Reduktionsziel, das nirgends verankert ist und keine Maßnahmen hat, ist ein leeres Versprechen.

Käufer – insbesondere erfahrene PE-Investoren – erkennen Greenwashing sofort. Es untergräbt das Vertrauen in die Professionalität des Managements und strahlt auf andere Bereiche ab: Wenn die ESG-Darstellung oberflächlich ist, wie zuverlässig sind dann die Finanzdaten?

Die bessere Strategie: Wenige Maßnahmen, aber echte. Energieverbrauch dokumentieren und Reduktionsmaßnahmen umsetzen (LED, effizientere Maschinen, Gebäudeisolierung). DSGVO-Compliance sicherstellen. Einen Code of Conduct einführen und leben. Einen Beirat einrichten. Das ist kein Greenwashing – das ist professionelles Management mit ESG-Bewusstsein.


Der regulatorische Kontext: Was auf den Mittelstand zukommt

Direkt berichtspflichtig ist der Mittelstand (noch) nicht – die CSRD-Berichtspflicht gilt zunächst für Unternehmen ab 250 Mitarbeitern und 50 Mio. Euro Umsatz. Aber indirekt betrifft es auch kleinere Unternehmen: Berichtspflichtige Großkunden werden ihre Lieferkette befragen – und Unternehmen, die keine Daten liefern können, riskieren, als Zulieferer aussortiert zu werden.

Das LkSG (Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz) verpflichtet Unternehmen ab 1.000 Mitarbeitern, Menschenrechts- und Umweltstandards in ihrer Lieferkette zu überwachen. Wenn Sie Zulieferer eines solchen Unternehmens sind, werden Sie früher oder später ESG-Fragebögen beantworten müssen.

Die Botschaft: ESG ist kein freiwilliges Nice-to-have mehr. Es wird über die Lieferkette zum De-facto-Standard – auch für Unternehmen, die selbst nicht berichtspflichtig sind.

Häufig gestellte Fragen

Gesetzlich vorgeschrieben: nein (unter 250 MA / 50 Mio. Umsatz). Freiwillig sinnvoll: wenn Ihr Käuferkreis ESG-sensitive Investoren umfasst oder wenn Ihre Großkunden ESG-Daten von Zulieferern fordern. Ein schlanker Bericht (10–15 Seiten, orientiert am Deutschen Nachhaltigkeitskodex DNK) reicht – kein 100-Seiten-GRI-Report.
Für ein mittelständisches Unternehmen mit einem Standort: 5.000–15.000 Euro (externer Berater für Scope 1 + 2). Scope 3 (Lieferkette) ist deutlich aufwendiger und für die meisten Mittelständler noch nicht nötig. Die Bilanz ist die Basis für alles Weitere – ohne Daten keine glaubwürdigen Reduktionsziele.
PE-Fonds: fast immer (ESG-Check ist Standard in der Due Diligence). Strategische Käufer: zunehmend, insbesondere wenn sie selbst berichtspflichtig sind. MBO-Nachfolger: selten systematisch, aber indirekt (über Bankfinanzierung, die ESG-Kriterien berücksichtigt). Familiennachfolger: kaum. Aber: Auch bei Familiennachfolge schaden ESG-Risiken (Umweltaltlasten, Compliance-Defizite) dem Unternehmenswert.
Umweltaltlasten (Bodenverunreinigung, unsachgemäße Entsorgung in der Vergangenheit), DSGVO-Verstöße (fehlendes Verarbeitungsverzeichnis, keine AV-Verträge), fehlende Arbeitssicherheitsdokumentation und Governance-Defizite (kein Beirat, keine Compliance-Richtlinien, intransparente Entscheidungsstrukturen).
Direkt: schwer nachweisbar. Indirekt: ja. Ein Unternehmen mit professioneller Governance, sauberer Compliance und dokumentiertem Umweltmanagement wird als weniger riskant eingestuft – und niedrigeres Risiko bedeutet höherer Multiple. Der Effekt liegt geschätzt bei 0,2–0,5 Multiple-Punkten – bei 1 Mio. Euro EBITDA sind das 200.000–500.000 Euro.
DSGVO-Compliance sicherstellen (Verarbeitungsverzeichnis, AV-Verträge, Löschkonzept). Das ist ohnehin gesetzliche Pflicht, kostet wenig und eliminiert ein DD-Risiko. Zeitaufwand: zwei bis vier Wochen mit externem Berater.

Über den Autor

Dr. David Hoeflmayr begleitet Unternehmer bei Unternehmensnachfolge und strategischer Wertsteigerung.
Mit über 20 Jahren Erfahrung als Geschäftsführer in der Industrie, akademischem Hintergrund in Jura, Wirtschaft und Psychologie sowie Lehrtätigkeit an der TU München verbindet er Praxis, Strategie und Wissenschaft.
Sein Fokus liegt darauf, Unternehmen übergabefähig zu machen, Risiken zu reduzieren und nachhaltige Werte für die nächste Generation zu schaffen.

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