Unternehmensbewertung mit Multiples: Was den Kaufpreis bestimmt – und wie Sie ihn steigern

Dr. David Hoeflmayr

Experte für Unternehmenswertsteigerung

Das Wichtigste in Kürze

Die Multiple-Bewertung ist die am häufigsten genutzte Schnellbewertung im Mittelstand. Enterprise Value = bereinigtes EBITDA × Multiple. Die Methode ist einfach – aber die Höhe des Multiples ist alles andere als trivial.

Acht Faktoren bestimmen den Multiple: Branche, Wachstum, Ertragsstabilität, Klumpenrisiken, Inhaberabhängigkeit, Finanzdatenqualität, Marktposition und Käufertyp. Fünf davon sind aktiv beeinflussbar.

Die drei wirksamsten Hebel: Ertragsqualität sichtbar machen (Earnings Bridge), Inhaberabhängigkeit reduzieren und wiederkehrende Umsätze aufbauen.

Multiples sind kein Ersatz für eine fundierte Bewertung, aber sie sind das Verhandlungsinstrument der Praxis – und ein Steuerungsinstrument für die Vorbereitung.

Wer versteht, was den Multiple treibt, verhandelt besser – und kann gezielt daran arbeiten, den Wert seines Unternehmens zu steigern.

Wenn Unternehmer zum ersten Mal über den Wert ihrer Firma nachdenken, begegnet ihnen schnell ein Konzept: der Multiple. Die Idee dahinter ist einfach: Man nimmt eine Ertragskennzahl – typischerweise das EBITDA – und multipliziert sie mit einem Faktor. Das Ergebnis ist eine Grobschätzung des Unternehmenswerts.

Die Methode funktioniert ähnlich wie bei Immobilien: „Mein Nachbar hat seine Wohnung zu 3.000 Euro pro Quadratmeter verkauft. Dann ist meine 100-Quadratmeter-Wohnung etwa 300.000 Euro wert.“ Bei Unternehmen ist der Quadratmeterpreis der Multiple – und die Wohnfläche das EBITDA.

Doch die entscheidende Frage stellt kaum jemand: Warum bekommt das eine Unternehmen einen Multiple von 5 und das andere einen von 8? Was bestimmt die Höhe des Faktors? Und was kann ein Unternehmer konkret tun, um einen höheren Multiple zu erzielen?

Dieser Beitrag beantwortet genau diese Fragen. Er erklärt die Methode so, dass Sie sie anwenden können – und zeigt dann, welche Hebel Sie haben, um den Multiple zu Ihren Gunsten zu beeinflussen.


Wie die Bewertung mit Multiples funktioniert

Die Grundformel ist einfach:

Enterprise Value = EBITDA × Multiple

Das EBITDA (Earnings Before Interest, Taxes, Depreciation and Amortization) misst den operativen Ertrag vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen. Es ist die im M&A-Markt am weitesten verbreitete Bezugsgröße, weil es die operative Ertragskraft unabhängig von Finanzierung und Abschreibungspolitik zeigt.

Daneben gibt es weitere Multiplikatoren – etwa auf EBIT (Gewinn vor Zinsen und Steuern), Umsatz oder branchenspezifische Kennzahlen. Im Mittelstand ist das EBITDA-Multiple jedoch der Standard.

Beispielrechnung:

Ihr Unternehmen hat ein durchschnittliches EBITDA von 2,0 Millionen Euro (Durchschnitt der letzten drei Jahre). Der branchentypische Multiple liegt bei 6,0. Daraus ergibt sich ein Enterprise Value von 12,0 Millionen Euro.

Um daraus den Wert des Eigenkapitals zu berechnen, addieren Sie die liquiden Mittel und ziehen die Finanzverbindlichkeiten ab. Dies ist die sogenannte Cash-free/Debt-free-Logik, die in den meisten Kaufverträgen zugrunde liegt.

Wichtig: Das EBITDA, das in die Bewertung einfließt, ist nicht der Buchgewinn aus dem Jahresabschluss, sondern ein bereinigtes EBITDA – normalisiert um Einmaleffekte, Inhabergehälter über Marktniveau, private Aufwendungen und andere Verzerrungen. Die saubere Herleitung dieses bereinigten EBITDA – die sogenannte Earnings Bridge – ist einer der wichtigsten Schritte in der Verkaufsvorbereitung. Mehr dazu im Beitrag zur Ertragsqualität.


Was die Höhe des Multiples bestimmt

Hier wird es für Unternehmer wirklich relevant. Der Multiple ist keine willkürliche Zahl – er spiegelt die Einschätzung des Käufers wider, wie wertvoll, stabil und zukunftsfähig das Unternehmen ist. Konkret wird der Multiple von acht Faktoren bestimmt:

1. Branche und Marktumfeld

Verschiedene Branchen handeln zu unterschiedlichen Multiples. Technologie- und Softwareunternehmen erzielen typischerweise höhere Multiples als produzierende Betriebe oder Handelsunternehmen. Der Grund: Skalierbarkeit, Wachstumspotenzial und der Anteil wiederkehrender Umsätze. Innerhalb einer Branche schwanken die Multiples zusätzlich mit dem Konjunkturzyklus, dem Zinsniveau und der allgemeinen M&A-Aktivität.

2. Wachstumsperspektive

Ein Unternehmen, das in den letzten Jahren gewachsen ist und eine plausible Wachstumsstory hat, erzielt einen höheren Multiple als eines, das stagniert. Käufer zahlen für Zukunft, nicht für Vergangenheit. Entscheidend ist nicht nur das historische Wachstum, sondern die Frage, ob das Wachstum wiederholbar und skalierbar ist – und ob eine dokumentierte Strategie existiert, die es untermauert.

3. Ertragsstabilität und Vorhersagbarkeit

Volatile Erträge bedeuten höheres Risiko – und niedrigere Multiples. Stabile, vorhersagbare Ergebnisse sind das Gegenteil. Besonders wertvoll sind wiederkehrende Umsätze: Service-, Wartungs- und Abomodelle, die einen planbaren Umsatzsockel bilden. Ein Unternehmen mit 60 Prozent wiederkehrendem Umsatz wird anders bewertet als eines, das jedes Jahr von Neuaufträgen abhängt.

4. Abhängigkeiten und Klumpenrisiken

Wenn ein einzelner Kunde mehr als 20 bis 30 Prozent des Umsatzes ausmacht, sinkt der Multiple spürbar. Dasselbe gilt für Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten, Technologien oder – besonders kritisch – vom Inhaber selbst. Jede Konzentration, die ein Käufer als Risiko erkennt, drückt den Preis.

5. Inhaberabhängigkeit

Dies ist der Faktor, den viele Unternehmer am meisten unterschätzen. Wenn das Geschäftsmodell ohne den Gründer nicht funktioniert, sinkt der Multiple dramatisch. Käufer kalkulieren Abschläge von 20 bis 40 Prozent, wenn Kundenbeziehungen, operatives Wissen und strategische Entscheidungen an einer Person hängen. Im Umkehrschluss: Ein Unternehmen mit einem eigenständig handlungsfähigen Management-Team und dokumentierten Prozessen erzielt einen deutlich höheren Multiple.

6. Qualität der Finanzdaten

Ein Unternehmen, das auf Knopfdruck eine saubere Monats-BWA, eine integrierte Dreijahresplanung und eine transparente Cashflow-Analyse liefern kann, signalisiert Professionalität. Ein Unternehmen, das seine Zahlen mühsam zusammensuchen muss, signalisiert Risiko. Die Qualität des Controllings beeinflusst den Multiple – nicht direkt, aber über das Vertrauen, das der Käufer in die ausgewiesenen Erträge hat.

7. Marktposition und Wettbewerbsvorteile

Ein Unternehmen mit einer verteidigbaren Marktposition – Nischenführerschaft, starke Marke, patentierte Technologie, langfristige Kundenverträge – erzielt höhere Multiples als ein austauschbarer Anbieter. Käufer zahlen für Wettbewerbsvorteile, die nicht leicht kopierbar sind.

8. Käufertyp und strategischer Fit

Derselbe Betrieb kann von verschiedenen Käufertypen unterschiedlich bewertet werden. Ein Finanzinvestor bewertet nach Renditeerwartung und Cashflow-Potenzial. Ein strategischer Käufer zahlt unter Umständen einen Aufschlag, weil er Synergien realisieren kann – Marktzugang, Technologie, Kundenstamm. Der strategische Fit zwischen Käufer und Zielunternehmen beeinflusst den Multiple erheblich.


Die acht Multiple-Treiber im Überblick

FaktorWirkung auf den MultipleWas Sie konkret tun können
Branche und MarktumfeldSetzt den Rahmen – kaum beeinflussbarTiming beachten: Verkaufen, wenn der Markt aktiv ist und Zinsen günstig sind.
WachstumsperspektiveSteigert den Multiple, wenn plausibel und belegbarWachstumsfelder identifizieren, Strategie dokumentieren, Trends mit Zahlen belegen.
ErtragsstabilitätStabile Erträge = höherer MultipleWiederkehrende Umsätze aufbauen, Volatilität reduzieren, Vertragsstrukturen stärken.
KlumpenrisikenJede Konzentration drückt den PreisKundenportfolio diversifizieren, Lieferantenalternativen aufbauen.
InhaberabhängigkeitGrößter Abschlagsfaktor im MittelstandFührungsebene aufbauen, Prozesse dokumentieren, Kundenbeziehungen übertragen.
Qualität der FinanzdatenSchlechte Daten = Misstrauen = niedrigerer MultipleControlling professionalisieren, Earnings Bridge vorbereiten, Datenraum aufsetzen.
MarktpositionStarke Position = PremiumAlleinstellungsmerkmale herausarbeiten, Langfristverträge sichern.
Käufertyp und strategischer FitStrategischer Käufer zahlt oft mehrGezielt Käufer ansprechen, für die Ihr Unternehmen ein spezifisches Problem löst.

Was Sie konkret tun können, um den Multiple zu steigern

Die Tabelle zeigt: Fünf der acht Faktoren sind aktiv beeinflussbar. Das macht die Multiple-Bewertung für Unternehmer so relevant – sie ist nicht nur ein Diagnoseinstrument, sondern ein Steuerungsinstrument. Der umfassende Überblick aller Werthebel vor der Nachfolge zeigt, wie die einzelnen Maßnahmen ineinandergreifen.

Drei Maßnahmenpakete haben erfahrungsgemäß den größten Effekt auf den Multiple:

Paket 1: Ertragsqualität sichtbar machen. Die meisten mittelständischen Unternehmen haben ein höheres bereinigtes EBITDA, als der Jahresabschluss zeigt. Eine professionelle Earnings Bridge – die transparente Überleitung vom Buch-EBITDA zum nachhaltigen EBITDA – erhöht nicht den Multiple selbst, aber die Bezugsgröße, auf die er angewendet wird. Das kann den Bewertungsunterschied um ein bis zwei Multiplikatoren ausmachen.

Paket 2: Inhaberabhängigkeit reduzieren. Die systematische Reduktion der Inhaberabhängigkeit – Führungsebene aufbauen, Prozesse dokumentieren, Kundenbeziehungen auf das Team übertragen – wirkt direkt auf den Multiple. Ein Unternehmen, das ohne den Inhaber funktioniert, wird grundsätzlich höher bewertet als eines, das von einer Person abhängt.

Paket 3: Wiederkehrende Umsätze aufbauen. Servitization – der systematische Aufbau von Service-, Wartungs- und Abomodellen – stabilisiert die Erträge und erhöht die Planbarkeit. Käufer bewerten wiederkehrende Umsätze signifikant höher als volatile Projektgeschäfte. Dieser Effekt wirkt doppelt: auf das EBITDA und auf den Multiple.


Was Multiples nicht können – und warum Sie trotzdem wichtig sind

Multiples sind Grobschätzungen, keine Präzisionsinstrumente. Sie ersetzen keine fundierte Unternehmensbewertung und insbesondere kein DCF-Verfahren, das die individuellen Cashflows und das spezifische Risikoprofil eines Unternehmens berücksichtigt.

Dennoch sind Multiples aus drei Gründen unverzichtbar:

Als Orientierungsrahmen. Sie geben Unternehmern eine erste realistische Einschätzung, in welcher Größenordnung sich der Wert ihres Unternehmens bewegt – bevor ein teures Gutachten in Auftrag gegeben wird.

Als Verhandlungsinstrument. In der Praxis werden die meisten mittelständischen Transaktionen mit Multiples verhandelt. Der Käufer nennt einen Multiple, der Verkäufer argumentiert für einen höheren. Wer versteht, welche Faktoren den Multiple bestimmen, verhandelt besser.

Als Steuerungsinstrument. Wenn Sie wissen, welche Faktoren den Multiple beeinflussen, können Sie gezielt daran arbeiten – Monate oder Jahre vor einem Verkauf. Das ist der eigentliche Wert der Multiple-Methode für Unternehmer: nicht die Berechnung, sondern die Steuerung.


Wo Sie aktuelle Multiples finden

Multiples schwanken mit dem Marktumfeld. Verwenden Sie immer aktuelle Daten (nicht älter als sechs Monate) und achten Sie darauf, mittelstandsspezifische Quellen zu nutzen – Multiples aus Börsenindizes liegen typischerweise höher als die, die im Mittelstand erzielt werden.

Nützliche Quellen: DUB KMU-Multiples (dub.de), Nimbo Multiples (nimbo.net), Finance-Magazin-Multiples und branchenspezifische Transaktionsdatenbanken, die M&A-Berater nutzen. Im Rahmen einer professionellen Bewertung werden die Multiples aus vergleichbaren tatsächlichen Transaktionen (Transaction Comparables) und aus börsennotierten Vergleichsunternehmen (Trading Comparables) abgeleitet.

Sie möchten wissen, welchen Multiple Ihr Unternehmen realistisch erzielen kann – und welche Hebel den größten Effekt hätten? Ein vertrauliches Erstgespräch bringt Klarheit.

Häufig gestellte Fragen

Das variiert stark nach Branche, Unternehmensgröße und Marktumfeld. Grobe Orientierung: Produzierende Unternehmen im Mittelstand liegen häufig bei 4 bis 7, Dienstleister bei 5 bis 8, Technologieunternehmen bei 7 bis 12 oder höher. Innerhalb jeder Bandbreite bestimmen die oben beschriebenen Faktoren, wo ein konkretes Unternehmen landet.
Das EBITDA ist finanzierungsneutral und unabhängig von der Abschreibungspolitik. Es zeigt die operative Ertragskraft, die ein Käufer unabhängig von seiner eigenen Finanzierungsstruktur bekommt. Deswegen ist es der Standard im M&A-Markt.
Der Enterprise Value ist der Gesamtwert des Unternehmens – unabhängig von der Finanzierung. Um den Wert des Eigenkapitals zu ermitteln, addieren Sie die liquiden Mittel und ziehen die Finanzverbindlichkeiten ab. Zusätzlich wird oft eine Working-Capital-Anpassung vorgenommen.
Ja – und genau das ist die Kernbotschaft dieses Beitrags. Fünf der acht Multiple-Treiber sind aktiv steuerbar: Wachstumsperspektive, Ertragsstabilität, Abhängigkeiten, Inhaberabhängigkeit und Finanzdatenqualität. Die Arbeit an diesen Hebeln ist das Kerngeschäft der Wertsteigerung vor einer Nachfolge.
Als erste Orientierung ja. Als alleinige Entscheidungsgrundlage nein. Für eine ernsthafte Verkaufsvorbereitung brauchen Sie zusätzlich eine DCF-Bewertung oder ein fundiertes Wertgutachten, das die individuellen Cashflows und Risiken Ihres Unternehmens berücksichtigt.
Weil der Multiple nicht nur die Vergangenheit bewertet, sondern die Zukunft. Ein Unternehmen mit klarer Wachstumsstrategie, stabilen wiederkehrenden Umsätzen, einem unabhängigen Management-Team und einem starken strategischen Fit zum Käufer kann einen deutlich höheren Multiple erzielen als ein Vergleichsunternehmen mit ähnlichem EBITDA, aber höherem Risikoprofil.
In einem aktiven M&A-Markt mit niedrigen Zinsen und hoher Investorenaktivität liegen die Multiples generell höher. Das Timing ist ein Faktor, den Sie teilweise beeinflussen können – indem Sie die Verkaufsreife rechtzeitig herstellen und dann den richtigen Zeitpunkt wählen. Warten Sie aber nicht auf den „perfekten“ Markt – die Vorbereitung des Unternehmens ist wichtiger als das Markttiming.
DUB, Nimbo und branchenspezifische Transaktionsdatenbanken bieten gute Orientierung. Für eine belastbare Einschätzung empfiehlt sich die Zusammenarbeit mit einem erfahrenen M&A-Berater, der Zugang zu aktuellen Transaktionsdaten hat und die Besonderheiten Ihrer Branche kennt.

Über den Autor

Dr. David Hoeflmayr begleitet Unternehmer bei Unternehmensnachfolge und strategischer Wertsteigerung.
Mit über 20 Jahren Erfahrung als Geschäftsführer in der Industrie, akademischem Hintergrund in Jura, Wirtschaft und Psychologie sowie Lehrtätigkeit an der TU München verbindet er Praxis, Strategie und Wissenschaft.
Sein Fokus liegt darauf, Unternehmen übergabefähig zu machen, Risiken zu reduzieren und nachhaltige Werte für die nächste Generation zu schaffen.

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