10 Fragen, die Sie beantworten müssen, bevor Sie ein Unternehmen übernehmen

Dr. David Hoeflmayr

Experte für Unternehmenswertsteigerung

Das Wichtigste in Kürze

Die Übernahme eines Unternehmens ist eine der weitreichendsten Entscheidungen im Berufsleben. Sie verdient die gleiche Sorgfalt wie jede andere Investition – auch wenn es das eigene Familienunternehmen ist.

Zehn Fragen helfen bei der strukturierten Entscheidung: von der persönlichen Motivation über Geschäftsmodell, Bewertung und Finanzierung bis zu Familie, Risiken und den ersten 100 Tagen.

Ehrlichkeit ist der Schlüssel. Ein halbherziges Ja ist gefährlicher als ein klares Nein. Und ein Nein ist kein Scheitern, sondern eine verantwortungsvolle Entscheidung.

Professionelle Unterstützung ist keine Schwäche. Bewertung, Finanzierung, Risikoanalyse und Familienmoderation erfordern Fachleute.

Die Antworten reifen. Beginnen Sie ein bis zwei Jahre vor der geplanten Übernahme mit der systematischen Beantwortung.

Ein Unternehmen zu übernehmen – ob als Sohn oder Tochter des Inhabers, als langjähriger Manager im Rahmen eines MBO oder als externer Nachfolger – ist eine der weitreichendsten Entscheidungen Ihres Berufslebens. Sie binden sich finanziell, zeitlich und persönlich an ein Unternehmen, das Sie möglicherweise für die nächsten 20 oder 30 Jahre führen werden.

Die meisten Nachfolger konzentrieren sich auf die Frage: „Will ich das?“ Das ist der richtige Startpunkt. Aber es ist nicht die einzige Frage. Bevor Sie Ja sagen, sollten Sie zehn Fragen ehrlich beantworten – nicht um sich abzuschrecken, sondern um eine fundierte Entscheidung zu treffen, die Sie auch in zehn Jahren noch vertreten können.


Frage 1: Will ich das wirklich – oder erfülle ich eine Erwartung?

Die ehrlichste und schwierigste Frage steht am Anfang. In Familienunternehmen gibt es häufig eine implizite Erwartung, dass die nächste Generation übernimmt. Die Übernahme wird als selbstverständlich behandelt – nicht als Entscheidung. Das kann dazu führen, dass ein Nachfolger Ja sagt, obwohl er eigentlich Nein meint. Oder dass er sich nicht traut, Bedingungen zu stellen.

Was Sie sich fragen sollten: Würde ich dieses Unternehmen auch kaufen, wenn es mir nicht gehörte bzw. nicht meiner Familie gehörte? Was reizt mich an der Aufgabe – und was schreckt mich ab? Habe ich eigene unternehmerische Ziele, die über die Fortführung des Bestehenden hinausgehen? Und: Was passiert mit der Familienbeziehung, wenn ich Nein sage?

Die Nachfolge muss auch ohne klare Zusage möglich sein – das gilt in beide Richtungen. Ein halbherziges Ja ist gefährlicher als ein klares Nein.


Frage 2: Verstehe ich das Geschäftsmodell wirklich – und hat es Zukunft?

Im Unternehmen aufgewachsen zu sein oder dort zu arbeiten heißt nicht, das Geschäftsmodell verstanden zu haben. Viele Nachfolger kennen die operative Seite (Produktion, Vertrieb, Kundenkontakt), aber nicht die strategische: Woher kommt der Gewinn? Wie stabil sind die Margen? Welche Abhängigkeiten bestehen? Wie entwickelt sich der Markt?

Was Sie prüfen sollten: Wie hat sich das EBITDA in den letzten fünf Jahren entwickelt – steigend, stabil oder rückläufig? Wie hoch ist der Anteil wiederkehrender Umsätze? Wie konzentriert ist der Kundenstamm (Top-5-Kunden als Anteil am Umsatz)? Welche technologischen oder regulatorischen Veränderungen bedrohen das Geschäftsmodell in den nächsten zehn Jahren? Und: Hat das Unternehmen eine überzeugende Wachstumsstory – oder verwaltet es den Status quo?


Frage 3: Was ist das Unternehmen wert – und ist der Preis fair?

Auch bei einer familieninternen Übergabe hat das Unternehmen einen Wert. Ob Sie einen Kaufpreis zahlen, Anteile geschenkt bekommen oder eine Mischform vereinbaren – Sie müssen wissen, was das Unternehmen objektiv wert ist. Sonst können Sie weder die Fairness gegenüber Geschwistern beurteilen noch die Tragfähigkeit einer Finanzierung prüfen.

Was Sie tun sollten: Eine unabhängige Unternehmensbewertung durchführen lassen – auf Basis von Multiples und/oder DCF. Verstehen, wie das bereinigte EBITDA berechnet wird und welche Bereinigungen der Verkäufer vornimmt. Und: die Equity Bridge verstehen – den Unterschied zwischen dem Unternehmenswert und dem Betrag, den Sie tatsächlich zahlen.


Frage 4: Kann ich die Übernahme finanzieren – und welches Risiko gehe ich ein?

Bei einem MBO oder einem externen Einstieg ist die Finanzierung die häufigste Hürde. Aber auch bei einer familieninternen Übergabe fließt Geld: Kaufpreiszahlungen, Versorgungsleistungen an den Senior, Pflichtteilsausgleich an Geschwister.

Was Sie durchrechnen sollten: Wie hoch ist der Kaufpreis (oder die Versorgungslast)? Wie wird finanziert – Eigenkapital, Bankdarlehen, Verkäuferdarlehen, Fördermittel? Kann das Unternehmen die Finanzierung aus dem laufenden Cashflow bedienen, ohne dass Investitionen oder Wachstum leiden? Was passiert, wenn die Erträge in den ersten Jahren unter Plan liegen – gibt es einen Puffer? Und: Wie viel persönliches Risiko gehen Sie ein (Bürgschaften, Eigenkapitaleinsatz)?


Frage 5: Bin ich fähig, das Unternehmen zu führen – ehrlich betrachtet?

Operative Kompetenz ist nicht dasselbe wie Unternehmerfähigkeit. Ein guter Vertriebsleiter ist nicht automatisch ein guter Geschäftsführer. Unternehmensführung erfordert strategisches Denken, Entscheidungsfähigkeit unter Unsicherheit, Personalführung, Finanzverständnis und die Fähigkeit, auch unpopuläre Entscheidungen durchzusetzen.

Was Sie sich ehrlich fragen sollten: Habe ich Erfahrung in Bereichen, die über meine bisherige Rolle hinausgehen (Finanzen, Personal, Strategie)? Bin ich bereit, die Verantwortung für alles zu tragen – auch für Bereiche, die mir nicht liegen? Habe ich eine Vorstellung davon, wo ich das Unternehmen in fünf bis zehn Jahren sehen will? Und: Wo brauche ich Unterstützung – und bin ich bereit, sie einzuholen?

Niemand muss alles können. Aber Sie müssen wissen, was Sie nicht können – und wie Sie diese Lücken schließen.


Frage 6: Wie gehe ich mit dem Senior um – und er mit mir?

Die Übergangsphase ist die kritischste Zeit in jeder Nachfolge. Der Senior hat das Unternehmen aufgebaut, kennt jeden Kunden persönlich und hat jahrzehntelang allein entschieden. Loslassen fällt schwer – und manchmal gelingt es nicht. Auf der anderen Seite: Der Nachfolger muss sich Autorität erarbeiten, eigene Entscheidungen treffen und dabei den Respekt vor dem Lebenswerk des Vorgängers wahren.

Was Sie klären sollten: Wie lange bleibt der Senior im Unternehmen – und in welcher Rolle? Gibt es klare Regeln für die Übergangsphase (Büropräsenz, Kundenkontakt, Entscheidungsbefugnisse)? Was passiert, wenn der Senior sich nicht an die vereinbarten Regeln hält? Und: Gibt es eine neutrale Instanz – einen Beirat oder externen Moderator –, die bei Konflikten vermittelt?


Frage 7: Wie steht es um die Familie – und wer spielt welche Rolle?

In Familienunternehmen ist Nachfolge nie nur ein geschäftlicher Vorgang. Geschwister, die nicht im Unternehmen arbeiten, haben wirtschaftliche Ansprüche. Ehepartner bringen eigene Perspektiven ein. Eltern haben emotionale Erwartungen. Wenn diese Dynamiken nicht adressiert werden, belasten sie den Nachfolgeprozess – und die Familienbeziehung.

Was Sie ansprechen sollten: Gibt es eine Familienverfassung, die Rollen, Rechte und Spielregeln festlegt? Wie werden Geschwister fair behandelt, die nicht im Unternehmen arbeiten (Ausgleichszahlungen, Vermögensverteilung, Mitspracherechte)? Welche Rolle spielen Familienmitglieder im Betrieb – und nach welchen Kriterien werden sie behandelt (Familienmitglied oder Mitarbeiter)? Und: Wie wird verhindert, dass familiäre Konflikte das Unternehmen destabilisieren?


Frage 8: Welche Risiken übernehme ich – und welche kann ich beeinflussen?

Jedes Unternehmen hat Risiken: operative, finanzielle, personelle, rechtliche. Als Nachfolger übernehmen Sie nicht nur die Chancen, sondern auch die Altlasten. Und manche Risiken sind erst auf den zweiten Blick sichtbar.

Was Sie prüfen sollten: Wie hoch ist die Inhaberabhängigkeit – fallen Kunden weg, wenn der Senior geht? Gibt es rechtliche Altlasten (offene Rechtsstreitigkeiten, Umweltrisiken, steuerliche Risiken)? Wie steht es um die Governance – gibt es Compliance-Strukturen, interne Kontrollen, Risikomanagement? Welche Investitionen stehen an, die der Senior aufgeschoben hat? Und: Wie abhängig ist das Unternehmen von einzelnen Kunden, Lieferanten oder Technologien?

Eine ehrliche Risikoanalyse ist kein Zeichen von Misstrauen gegenüber dem Übergeber – sondern von professionellem Unternehmertum.


Frage 9: Habe ich ein Team, dem ich vertrauen kann?

Kein Nachfolger kann allein erfolgreich sein. Die Qualität des Managementteams und der Schlüsselmitarbeiter bestimmt, ob die Übergangsphase gelingt oder nicht. Wenn die besten Leute gehen, weil sie dem neuen Chef nicht vertrauen, hat der Nachfolger ein Problem, das kein Businessplan löst.

Was Sie herausfinden sollten: Wer sind die Leistungsträger – und wie gebunden sind sie (Verträge, Loyalität, Alternativen)? Gibt es eine zweite Führungsebene, die echte Verantwortung trägt – oder berichtet alles an den Senior? Wie reagiert das Team auf Veränderung – ist es veränderungsbereit oder veränderungsresistent? Und: Gibt es Mitarbeiter, die sich selbst als Nachfolger gesehen haben und die Entscheidung nicht akzeptieren?


Frage 10: Was ist mein Plan – für die ersten 100 Tage und darüber hinaus?

Ein Nachfolger, der antritt, ohne einen Plan zu haben, wird von den ersten Herausforderungen überrollt. Sie brauchen keine perfekte Strategie am Tag 1 – aber eine klare Vorstellung davon, was Sie in den ersten Monaten tun und was Sie lassen.

Was Sie vorbereiten sollten: Ein Kommunikationskonzept für Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten. Die drei bis fünf Prioritäten für die ersten 100 Tage. Ein Steuerungsrhythmus (wöchentliche Führungsmeetings, monatliches Reporting). Eine Liste der Entscheidungen, die sofort getroffen werden müssen – und eine Liste der Entscheidungen, die bewusst warten können. Und: die Demut zu akzeptieren, dass Sie vieles erst im Tun lernen werden.

Häufig gestellte Fragen

Nein. Aber Sie sollten jede Frage ehrlich beantwortet haben und wissen, wo Ihre Antwort noch unsicher ist. Ein Nachfolger, der seine Wissenslücken kennt und adressiert, ist besser aufgestellt als einer, der glaubt, alles zu wissen.
Idealerweise ein bis zwei Jahre vor der geplanten Übernahme. Manche Fragen (Finanzierung, Bewertung, Risikoanalyse) erfordern Zeit und professionelle Unterstützung. Andere (Motivation, Fähigkeit, Familienklärung) sind Reflexionsfragen, die reifen müssen.
Teilweise. Die persönlichen Fragen (Motivation, Fähigkeit) sind Reflexionsarbeit. Die sachlichen Fragen (Bewertung, Finanzierung, Risiken) erfordern Fachleute: Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, gegebenenfalls einen Nachfolgeberater oder Beirat. Und die familiären Fragen profitieren von einer neutralen Moderation.
Kurzfristig möglicherweise ja – es gibt Enttäuschung und Anpassungsbedarf. Langfristig ist ein ehrliches Nein weniger schädlich als eine gescheiterte Übernahme, die das Unternehmen und die Familienbeziehung gleichzeitig belastet. Es gibt andere Nachfolgewege, die für alle Beteiligten besser sein können.
Die Fragen 1, 6 und 7 (Motivation, Seniorenbeziehung, Familie) sind bei familieninterner Nachfolge besonders relevant. Die Fragen 4 und 8 (Finanzierung, Risiken) sind bei MBOs besonders kritisch, weil der Manager das finanzielle Risiko persönlich trägt. Alle anderen Fragen gelten für beide Gruppen gleichermaßen.

Über den Autor

Dr. David Hoeflmayr begleitet Unternehmer bei Unternehmensnachfolge und strategischer Wertsteigerung.
Mit über 20 Jahren Erfahrung als Geschäftsführer in der Industrie, akademischem Hintergrund in Jura, Wirtschaft und Psychologie sowie Lehrtätigkeit an der TU München verbindet er Praxis, Strategie und Wissenschaft.
Sein Fokus liegt darauf, Unternehmen übergabefähig zu machen, Risiken zu reduzieren und nachhaltige Werte für die nächste Generation zu schaffen.

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